Zum Glück gibt es mehrere Zukünfte

In diesem März 2020 war plötzlich alles anders. Ein kleines Virus hat das gesellschaftliche Leben binnen kürzester Zeit massiv verändert.

 

Für die allermeisten von uns haben sich grundlegende Dinge verändert und nur wenig war so, wie einige Tage davor.

 

Hätte man die aktuellen Nachrichtensendungen vor etwa einem halben Jahr im Fernsehen gezeigt, wären viele von einem Science-Fiction-Film ausgegangen.

 

 

Es hat sich aber nicht nur die gesamte Situation als solche verändert, auch die Art und Weise der Steuerung des Staates und die politische Entscheidungsfindung hat sich in einer Form gewandelt, die für viele Bürger*innen so bislang nicht bekannt war. Es wurde auf Sicht gesteuert: täglich die aktuelle Lage ausgewertet und dann auf dieser Grundlage die nächsten Entscheidungen getroffen. Gleichzeitig wurde mitgeteilt, dass diese Entscheidungen unter Umständen morgen oder übermorgen aufgrund einer veränderten Sachlage erneut aktualisiert ggf. auch wieder geändert werden müssen. Langfristige Vorhersagen mochte niemand treffen.

 

Viele Menschen erwarten jedoch gerade in dieser Situation Planungssicherheit. Sie möchten eine Aussage haben, die langfristig Gültigkeit hat – und in unsicheren, dynamischen Zeiten mehr als sonst. Sie möchten wissen, wie ihre Zukunft aussieht. Und – Sie werden jeden Tag auf ’s Neue enttäuscht.

 

Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorherzusagen,
sondern darauf, auf die Zukunft vorbereitet zu sein.

 

Perikles (493-429 V.Chr.)

 

Diese Aussage ist zweieinhalbtausend Jahre alt. Und es bleibt die Frage, welche Zukunft soll denn vorausgesagt werden, welcher Glaskugel wollen wir glauben.

 

In der „Welt am Sonntag“ vom 26.04.2020 wurde dazu eine Aussage des Harvard-Forschers Bernhard Fischer-Appelt wiedergegeben:

 

Aus meinen Forschungen leite ich eine einfache Schlussforderung ab:

Man muss mehrere Zukünfte, also Zukunftsoptionen, denken
und nicht auf die Zukunft einsteigen, die gerade gepredigt wird.

 

 

Was bedeutet dies? Wem gelingt es unter normalen Umständen allein den genauen Ablauf seines  morgigen Tages vorherzusagen? Viele Dinge lassen sich planen, werden aber dann von der Realität eingeholt und müssen in der Aktualität angepasst werden?

 

 

Im modernen Management hat sich dafür der Begriff der Agilität etabliert. Prozesse und Entwicklungen werden nicht mehr bis zum Ende minutiös durchgeplant und festgeschrieben, sondern ggf. täglich überprüft und der aktuellen Situation angepasst. Diese flexible Fortschreibung spart Ressourcen, vermeidet langfristige Fehlentwicklungen und Enttäuschungen über ein Ergebnis, welches zwar so geplant, jedoch am Ende nicht mehr zur dann aktuellen Situation passt.

 

Berücksichtigt man dies alles, ist die Frage, wie viele Eventualitäten für die Vorausschau in eine Zukunft zu berücksichtigen sind. Schaffen wir es überhaupt mehrere Zukünfte parallel zu denken? Fallen wir dabei nicht immer wieder in unsere Wunschvorstellungen zurück und engen wir damit das Denken in Alternativen ein? Es wäre doch so einfach, wenn alles linear erwartbar wäre – und dann noch von allen Menschen in gleicher Weise gesehen würde.

 

 

Hier ein deutlicher Widerspruch: Es wäre nicht nur extrem langweilig, es würde uns Menschen auch nicht entsprechen. Bitte fragen Sie sich, ob Sie es wollten, dass ihr ganzes Leben in allen Einzelheiten bis zum Ende vorhersehbar wäre. Die Vorstellung allein erscheint gruselig.

 

 

Damit also zurück zu mehreren Zukünften und wie jetzt damit umgehen? Locker bleiben, spontan sein, realistisch denken, Dinge auf sich zukommen lassen?

 

 

In vielen Bereichen des täglichen Lebens agieren wir so. Es ist einfach zu anstrengend alle Eventualitäten zu berücksichtigen und viele Leben auch das Motto „es werden schon die richtigen Dinge passieren“.

 

 

In bestimmten Entscheidungssituationen ist es aber dennoch erforderlich, sich Gedanken über die Zukunft in ihren verschiedenen Facetten – also die Zukünfte – zu machen. Welche Möglichkeiten gibt es, dass diese Gedanken dann nicht immer wieder in vorhandene Muster, Erfahrungen und Wunschvorstellungen abschweifen? Der Versuch im Kopf zum Beispiel mehrere Alternativen zukünftiger Möglichkeiten parallel zu denken, überfordert uns.

 

Ein Vorschlag zum Risikomanagement:

 

Ein Ansatz ist es, diese verschiedenen Alternativen zu fixieren und sich zu disziplinieren, für jede einzelne die jeweiligen Entwicklungen anzudenken. Eine mögliche Vorgehensweise ist die Arbeit mit einer MindMap.

 

 

Das folgende Beispiel ist nur ein „erster Aufschlag“ sich Gedanken über die geschäftliche Entwicklung und die Risiken z.B. des kommenden Quartals zu machen. Anhand des Szenarios einer „linearen Fortentwicklung“ werden einige Ansatzpunkte der Steuerung aufgezeigt. Die gleichen Zweige werden in einem zweiten Szenario mit einem „mehrtägigem Stromausfall“ verknüpft. Im Folgeschritt sind Ansatzpunkte der eventuellen Folgen eines mehrtägigen Stromausfalls zu definieren und im vierten Schritt mögliche Vorkehrungen und Problemlösungen zu überlegen.

 

 

 

Die Vielfalt der Ergebnisse und Erkenntnisse werden für viele erstaunlich sein. Dabei ist bei diesem Beispiel eine weltweite Pandemie noch nicht einmal berücksichtigt.

 

 

Die jetzt definierten Auswirkungen möglicher Szenarien dann im nächsten Schritt mit Dritten zu besprechen, wird die Ergebnisse nochmals erweitern und neue Entwicklungen und Reaktions­möglichkeiten aufzeigen. Der Folgeschritt wäre dann, Konsequenzen und Lösungsansätze zu überlegen, wie die Folgen und Auswirkungen beherrscht werden könnten.

 

 

 

Es geht um Resilienz

 

Wie mache ich mich persönlich oder meine Organisation, mein Unternehmen widerstandsfähig für die Zukunft bzw. für die verschiedenen Zukünfte. Welche Alternativen habe ich selbst in der Hand und welche sehe ich vor? An welchen Stellen brauche ich ggf. Unterstützung? Wie bereite ich mich selbst und andere auf diese verschiedenen Szenarien vor?

 

 

Ziel ist es, nicht gänzlich unvorbereitet zu sein. Der Katalog der Schritte, die aufgrund der Ergebnisse angegangen werden müssten, wird sicher groß sein. „Muss das alles wirklich sein?“ Die Gewichtung der möglichen Ereignisse und der Konsequenzen können Sie sicher selbst und ganz allein vornehmen. Optimaler wäre es, hier einem vertrauten Partner/Partnerin also eine dritte Person unter der Fragestellung „Was machst Du eigentlich, wenn dies oder jenes passiert?“ hinzuzuziehen.

 

 

Es werden noch einmal weitere Zweige in der MindMap entstehen, die das Bild in der Komplexität steigern. Doch welche Zweige sind realistisch, welche unrealistisch? Hier gilt es dann wieder zu gewichten, ggf. Risiken einzugehen, in dem man bestimmte Szenarien ausblendet.

 

Insgesamt wird die Vorgehensweise jedoch ein Gewinn für die Zukünfte sein. Sie werden Dinge strukturiert vordenken und dabei immer zumindest einige der Alternativen im Auge haben.

 

 

Ein weiterer Aspekt sollte hierbei noch berücksichtigt werden. Tritt ein entsprechendes Ereignis ein, wird es selten genau in der Art und Weise ablaufen, wie im Vorwege definiert. Es gilt offen zu sein und den jeweiligen Lösungspfad „by the way“ permanent zu hinterfragen. Passen die nächsten vorgesehenen Schritte weiterhin? Ist die tatsächliche Situation noch genauso, wie ich es mir vorgestellt und vorüberlegt habe? Sind die geplanten Maßnahmen noch passgenau? Ist der Lösungsansatz noch relevant?

 

 

Ein Geschäft bzw. ein Unternehmen, dass es bereits verinnerlicht hat, agil zu steuern, wird hier auch im Vorteil sein. Gerade bei einer Krisenbewältigung ist es enorm wichtig und zielführend, eingeschlagene Wege und Prozesse während des Ablaufs regelmäßig zu hinterfragen.

 

Die Erarbeitung einer MindMap mit Zukunftsszenarien, die Einholung von Anregungen und Hinweisen Dritter, die Beschreibung von Lösungsansätzen sind die Vorbereitung. Die „Trockenübung“ ist das Durchspielen bestimmter Szenarien ggf. ergänzt durch Einwürfe von „Eskalationsereignissen“. Sie  verfestigt das Wissen und die Vorgehensweise. . . . und im Ernstfall ist u.U. doch alles anders!

 

 

Eine Reaktion könnte sein, dass diese ganzen Vorüberlegungen eigentlich umsonst sind und nur Arbeit gemacht haben.

 

 

Die bessere Reaktion wäre: Gut, dass ich mir schon über verschiedene Szenarien Gedanken gemacht habe. Gut, ich habe schon geübt, wie ich schnell mit weiteren, potenziellen Zukünften umgehen kann.

 

 

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Zukünfte-Denken und über Rückmeldungen und einen weiteren Ideenaustausch würde ich mich freuen.

 

Thomas Wick
Diplom-Verwaltungswirt